Mantren 1.2 Geschichte der Verwandlung Erdengründe

Im Anblick der Schwelle:

Und aus Finsternissen hellet sich– Dich im Ebenbilde offenbarend,Doch zum Gleichnis auch dich bildend,Ernstes Geisteswort im Weltenäther,Deinem Herzen hörbar, kraftvoll wirkend –Dir der Geistesbote, der alleinDir den Weg erleuchten kann;Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder,Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.Und vor seinen finstern Geistesfeldern,Dicht am gähnenden Abgrund des Seins,Da ertönt sein urgewaltig Schöpferwort:Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.

Hinweis zu 1.2

Erdengründe (1.2) – Im Anblick der Schwelle

An der Grenze von Sinnes- und Geisteswelt erscheint der Geistesbote / Hüter der Schwelle – menschenähnlich und doch schattenhaft, ‹Ebenbild› und ‹Gleichnis› zugleich. Sein Schöpferwort: ‹Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.›

Aus den Finsternissen erhellt sich zuerst der Geistesbote selbst: riesengroß und doch schattenhaft, dem Menschen ähnlich, aber wie zu seinem Gleichnis gebildet. Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, hinter ihm gähnen die Abgrundtiefen. Er steht zum Heil des unvorbereiteten Menschen an der Schwelle und mahnt, dass niemand ohne den entsprechenden Ernst Einlass suchen soll in das, was jenseits des gähnenden Abgrundes liegt. Ohne diesen Schutz würde das volle Licht des Geistes den Menschen ‹zerschmettern›, in seine Nichtigkeit zurückwerfen. ‹Zum Ernste mahnt der ernste Geistesbote.›

  • Zweite der vier Stimmungen; folgt unmittelbar auf 1.1.
  • Gestalt des Hüters: Lichtwerdung aus der Finsternis; menschenähnlich, ins ‹riesengroß Gewaltige› ausgebildet, zugleich schattenhaft (‹zum Gleichnis des Menschen bloß›).
  • Topographie der Schwelle: vor ihm die Sinnesfelder, hinter ihm die Abgrundtiefen – Schlüsselbild für die ganze Reihe.
  • Schöpferwort: ‹Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor› – der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Tor.
  • Schutzfunktion (2. Stunde): der Hüter warnt davor, ‹unvorbereitet in die geistige Welt hinüberzuwollen›.
  • Leitmotiv Ernst: kennzeichnet die ganze Schule; nicht Sentimentalität, sondern Haltbarkeit des Geistesstrebens.

Daher steht an der Grenze zwischen Sinneswelt und Geisteswelt jener Götterbote, jener Geistesbote … der mahnend zu uns spricht, wie wir sein sollen und was wir ablegen sollen.

GA 270a, S. 26

Zum Ernste mahnt der ernste Geistesbote.

GA 270a, S. 28

Deshalb steht an der Grenze … jener Hüter, der mit seinem Ernst Menschen warnt davor, unvorbereitet in die geistige Welt hinüberzuwollen.

GA 270a, S. 45 (Zweite Stunde)
Varianten und Fassungen

In der Ersten Wiederholungsstunde (GA 270c) ist dieses Mantram nicht eigenständig, sondern unmittelbare Fortsetzung des Hüter-Mantrams 1.1 (‹Wo auf Erdengründen …›) und mündet in den Schlussvers ‹Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor›. Dieses Mantram wurde auch in der Ersten Prager Stunde (GA 270c, 3.4.1924) gegeben – einer der frühen, ausserhalb Dornachs gehaltenen Einzelvorträge, mit ausführlicher Einleitung über Konstitution und Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Dieses Mantram wurde auch in der Ersten Breslauer Stunde (12. Juni 1924) gegeben – mit der besonders betonten Prüfung der Einsamkeit auf dem Meditationsweg und der Forderung radikaler Selbsterkenntnis (Stenogramm Lilly Kolisko, Perseus 2016).

  • GA 270a, Erste Stunde – App-Fassung 1.2 – Eigenständiges Mantram.

    Und aus Finsternissen hellet sich – Dich im Ebenbilde offenbarend …

    GA 270a
  • GA 270c, Erste Wiederholungsstunde – Teil der zusammenhängenden Hüter-Rede (mit 1.1).

    … Und aus Finsternissen hellet sich … Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.

    GA 270c, S. 20–21; Tafeltext S. 29
  • GA 270c, Erste Prager Stunde (3.4.1924) – Frühe, ausserhalb Dornachs gehaltene Fassung (Prag, vor den Dornacher Stunden). Wortgleich zur App-Fassung; eingebettet in die Einführung über die Freie Hochschule und ihre Sektionen.

    ‹Und aus Finsternissen hellet sich …› (der Geistesbote)

    GA 270c, S. 179–185
  • Breslau, Erste Stunde (12.6.1924) – Frühe, ausserhalb Dornachs gehaltene Fassung (Breslau). Wortlaut wie die App-Fassung. Lilly Kolisko hielt vom Mantram-Wortlaut der Ersten Stunde nur die Anfangszeilen in Langschrift fest.

    ‹Und aus Finsternissen hellet sich …›

    Die Wiederholungsstunden in Breslau (12./13.6.1924), in: Der Meditationsweg der Michaelschule, hrsg. Thomas Meyer, Perseus Verlag Basel 2016
Erste Stunde · Dornach · 1924-02-15 · GA 270a, S. 27–28 Wiederholung in Stunde 38–39 Zur Vortragsstelle →

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