Erste Prager Stunde
Einleitung – die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, ihre Sektionen, der Ernst
Meine lieben Freunde! Was in der alten Anthroposophischen Gesellschaft als esoterische Unterweisung in verschiedenen Gruppen bestand, soll seit der Weihnachtstagung durch die fliessen, deren Mittelpunkt das Goetheanum in Dornach ist und die sich bis zu allen Freunden im weiten Umkreis ausdehnen will. Wer ihr beitritt, geht eine ideell-geistige Verpflichtung ein und soll in allen Lagen wirklicher Repräsentant der anthroposophischen Weltbewegung sein. Die Hochschule ist in Sektionen gegliedert (allgemeine anthroposophische und pädagogische unter Rudolf Steiner; redende und musikalische Künste unter Frau Dr. Steiner; Medizin unter Frau Dr. Ita Wegman; bildende Künste unter Miss Maryon; schöne Wissenschaften unter Albert Steffen; Astronomie unter Dr. Vreede; Naturwissenschaft unter Dr. Wachsmuth; Jugendweisheit). ‹Geheim› meint nicht Verborgenes vor der Welt, sondern dass diese Erkenntnisse im tiefsten Inneren des Menschen ihren Quell haben. Die Schule ist keine menschliche Willkür, sondern irdisches Abbild einer geistigen Einrichtung; durch sie spricht der Geist selbst.
Freie Hochschule für Geisteswissenschaft
Die esoterische Schule, die Rudolf Steiner ab Februar 1924 am Goetheanum eröffnete — als erste von drei geplanten Klassen, von denen nur diese zustande kam.mehr
Die Stunden bestanden aus gesprochenem Vortrag mit eingebetteten Mantren. Was Steiner an die Tafel schrieb, war für die Schüler verbindlich; das Gesprochene war Erläuterung. Steiner nennt die Schule ‹die wirkliche Michael-Schule›. GA 270b: ‹diese esoterische Schule ist die wirkliche Michael-Schule, ist die Institution derjenigen geistigen Wesenheiten, die unmittelbar die Inspiration des kosmischen Willens Michaels haben.›Der Hüter der Schwelle – Schönheit der Sinnenwelt, der Abgrund
Die erste Betrachtung gilt dem, was zuerst dem entgegentritt, der in wirklichem Ernst an wahres Erkennen herantritt. Die Aussenwelt zeigt Schönheit, Grösse, Erhabenheit in Mineral, Pflanze, Tier, Mensch, Wolken, Sternen – doch das eigene Wesen findet der Mensch darin nicht. So wird er an den gedrängt, an dem eine Brücke in die Geisteswelt führt, an deren Ausgang die der Erkenntnis liegt. Dort steht der Schwelle, eine erhabene Wirklichkeit, der mahnt: wahres Erkenntnisstreben ist nichts Theoretisches; wer unvorbereitet, ohne rechte Gesinnung herantritt, schädigt sich und die Welt.
Abgrund
Der Spalt zwischen Sinneswelt und Geisteswelt, an dem der Hüter steht. Über ihn kann nur das geistig-seelische Wesen schreiten.mehr
Mantram ‹Wo auf Erdengründen …›: ‹Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, / Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.›Schwelle
Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.mehr
Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›der Hüter
Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.mehr
Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›‹Wo auf Erdengründen …› (frühe Prager Fassung; vgl. App 1.1)
Wo auf Erdengründen, Farb' an Farbe,
Sich das Leben schaffend offenbart;
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form,
Sich das Lebenslose ausgestaltet;
Wo erfühlende Wesen, willenskräftig,
Sich am eignen Dasein freudig wärmen;
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst:
Da betrittst du deines Eigenwesens
Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis;
Du erfragest im Dunkel der Weiten
Nimmer, wer du bist und warst und werdest.
Für dein Eigensein finstert der Tag
Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel;
Und du wendest seelensorgend dich
An das Licht, das aus Finsternissen kraftet.
‹Und aus Finsternissen hellet sich …› der Geistesbote (vgl. App 1.2/1.3)
Und aus Finsternissen hellet sich
– Dich im Ebenbilde offenbarend,
Doch zum Gleichnis auch dich bildend,
Ernstes Geisteswort im Weltenäther,
Deinem Herzen hörbar, kraftvoll wirkend –
Dir der Geistesbote, der allein
Dir den Weg erleuchten kann;
Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder,
Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.
Und vor seinen finstern Geistesfeldern,
Dicht am gähnenden Abgrund des Seins,
Da ertönt sein urgewaltig Schöpferwort:
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor.
‹Aus den Weiten der Raumeswesen …› das Daseinswort (vgl. App 1.3)
Aus den Weiten der Raumeswesen,
Die im Lichte das Sein erleben,
Aus dem Schritte des Zeitenganges,
Der im Schaffen das Wirken findet,
Aus den Tiefen des Herzempfindens,
Wo im Selbst sich die Welt ergründet:
Da ertönet im Seelensprechen,
Da erleuchtet aus Geistgedanken
Das aus göttlichen Heileskräften
In den Weltengestaltungsmächten
Wellend wirkende Daseinswort:
O, du Mensch, erkenne dich selbst.
Die drei Tiere – das Innere tritt in den Weltenäther
Was wir im Inneren tragen, tritt sogleich in den Weltenäther und nimmt Gestalt an. Die in Denken, Fühlen und Wollen, die uns nicht über die Schwelle kommen lassen wollen, erscheinen geschaut als missgestaltete Tiere. Niemand kennt sich, der nicht in diesem Bilde schauen kann, was ihn herabzieht. In Bild- und Wahrheitsform bringt es der Hüter zum Bewusstsein – erst aus dem Schauern vor diesem Negativen ersteht die Kraft, ins wahre Erkenntnisfeld einzutreten. Wie der Mensch zu den Seelenflügeln kommt, ist Inhalt der nächsten (Zweiten Prager) Stunde.
Mächte
‹Mächte› — mittlere Stufe der zweiten Hierarchie. Sprechen an das Fühlen.mehr
‹Erfühle Geistes-Welten-Leben im Menschen-Körper-Leben.›‹Doch du mußt den Abgrund achten …› die drei Tiere (vgl. App 1.4)
Doch du musst den Abgrund achten;
Sonst verschlingen seine Tiere
Dich, wenn du an mir vorübereilt'st;
Sie hat deine Weltenzeit in dir
Als hingestellt.
Erkenntnisfeinde
Die drei inneren Hindernisse, die der Hüter im Mantram ‹Doch du mußt den Abgrund achten …› benennt: Furcht, Haß, Zweifel.mehr
GA 270a, Erste Stunde. Schau das erste Tier, den Rücken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von dürrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schöpfer-Sein
Schuf das Ungetüm in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur überwindet es.
Schau das zweite Tier, es zeigt die Zähne
Im verzerrten Angesicht, es lügt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein Hass auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwächling dir im Fühlen;
Dein Erkenntnisfeuer muss ihn zähmen.
Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschaffen muss es weichen.
Erst wenn die drei von dir besiegt,
Werden Flügel deiner Seele wachsen,
Um den Abgrund zu übersetzen,
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,
Dem sich deine Herzenssehnsucht
Heilerstrebend weihen möchte.
Schlusswiederholung – das Daseinswort
Aus den Weiten der Raumeswesen,
Die im Lichte das Sein erleben,
Aus dem Schritte des Zeitenganges,
Der im Schaffen das Wirken findet,
Aus den Tiefen des Herzempfindens,
Wo im Selbst sich die Welt ergründet:
Da ertönet im Seelensprechen,
Da erleuchtet aus Geistgedanken
Das aus göttlichen Heileskräften
In den Weltengestaltungsmächten
Wellend wirkende Daseinswort:
O, du Mensch, erkenne dich selbst.