Mantren Zweite Wiederholungsstunde Dornach · 1924-09-09 · GA 270c, S. 31–47

Zweite Wiederholungsstunde

Dornach · · GA 270c, S. 31–47

31

Einleitung

Meine lieben Schwestern und Brüder! Auch heute können – trotz neuer Mitglieder – die einleitenden Worte nicht wiederholt werden; die Bedingungen der Mitgliedschaft sind den Neuen von denen mitzuteilen, die ihnen die Sprüche geben. Wir fahren fort, wo das letzte Mal aufgehört wurde, und lassen zunächst das
Weltenwort Das schöpferische Wort, das aus dem Weltenall an den Menschen herantönt. Eröffnet jede Klassenstunde mit ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›
mehr Anders als das Menschenwort, in dem Menschendenken spricht, spricht im Geistes-Weltenwort das Weltendenken. Die Seraphine sprechen es als Feuersprache, ‹flammende Stimme›. GA 270b, Sechzehnte Stunde.
vor die Seele treten.
32

Das Weltenwort – ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrom.
33

Rückblick – der Hüter und die niederschmetternde Selbsterkenntnis

Wer dem Weltenwort folgt, fühlt die Sehnsucht, aus der majestätischen
Sinneswelt Die Welt der Sinne, sofern sie als das Eigentliche genommen wird. Der Weg der Klasse geht aus dem ‹Reich der Illusion, im Reiche der Maja› hinüber.
mehr GA 270b, Sechzehnte Stunde.
hinauszukommen in jene Welt jenseits des gähnenden Abgrunds, die zunächst als schwarze, nachtbedeckte Finsternis entgegenstarrt. Aus geistigem Wolkendasein erhellt sich die Gestalt des Hüters; alles hier Gesprochene tönt im Auftrag Michaels, denn diese Schule ist die wahre
Michael-Schule Die esoterische Schule, die Rudolf Steiner ab Februar 1924 am Goetheanum eröffnete — als erste von drei geplanten Klassen, von denen nur diese zustande kam.
mehr Die Stunden bestanden aus gesprochenem Vortrag mit eingebetteten Mantren. Was Steiner an die Tafel schrieb, war für die Schüler verbindlich; das Gesprochene war Erläuterung. Steiner nennt die Schule ‹die wirkliche Michael-Schule›. GA 270b: ‹diese esoterische Schule ist die wirkliche Michael-Schule, ist die Institution derjenigen geistigen Wesenheiten, die unmittelbar die Inspiration des kosmischen Willens Michaels haben.›
. Der
Hüter Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.
mehr Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›
zeigt, wie Wollen, Fühlen, Denken vor dem Antlitz der Götter noch tierisch erscheinen – eine zunächst niederschmetternde
Selbsterkenntnis Der Ausgangspunkt der Klasse, gefaßt im Wort ‹O Mensch, erkenne dich selbst!› — kein Brüten ins Innere, sondern ‹ausführliches Gespräch mit Welt, Hüter und Hierarchien›.
mehr GA 270b, Zwölfte Stunde.
, durch die wir hindurch müssen.
34

Die drei Tiere – Wollen, Fühlen, Denken

Der Hüter lässt nacheinander die drei Tiere aus dem
Abgrund Der Spalt zwischen Sinneswelt und Geisteswelt, an dem der Hüter steht. Über ihn kann nur das geistig-seelische Wesen schreiten.
mehr Mantram ‹Wo auf Erdengründen …›: ‹Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, / Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.›
aufsteigen: das erste (Wollen, aus Furcht vor Erkenntnis – nur durch Erkenntnismut zu überwinden), das zweite (Fühlen, aus Hass – nur durch Erkenntnisfeuer/Begeisterung), das dritte (Denken, aus Zweifel – nur, wenn Erkenntnis die Kraft erweckt, die geistigen Dinge im eigenen Gemüt zu schaffen).
35

Wiederholung – ‹Doch du mußt den Abgrund achten› (die drei Tiere)

Doch du mußt den Abgrund achten;
Sonst verschlingen seine Tiere
Dich, wenn du an mir vorübereilt'st;
Sie hat deine Weltenzeit in dir
Als
Erkenntnisfeinde Die drei inneren Hindernisse, die der Hüter im Mantram ‹Doch du mußt den Abgrund achten …› benennt: Furcht, Haß, Zweifel.
mehr GA 270a, Erste Stunde.
hingestellt.
Schau das erste Tier, den Rücken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von dürrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schöpfer-Sein
Schuf das Ungetüm in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur überwindet es.
Schau das zweite Tier, es zeigt die Zähne
Im verzerrten Angesicht, es lügt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein Haß auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwächling dir im Fühlen;
Dein Erkenntnisfeuer muß ihn zähmen.
Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul,
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung,
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschaffen muß es weichen.
Erst wenn die drei von dir besiegt,
Werden Flügel deiner Seele wachsen,
Um den Abgrund zu übersetzen,
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,
Dem sich deine Herzenssehnsucht
Heilerstrebend weihen möchte.
37

Denken als Leichnam, Fühlen als Abglanz, Wollen und die Gegenmächte

Dann nähert sich der Hüter und gibt eine aufrichtende Aufklärung über die drei Tiere. Das Denken zwischen Geburt und Tod ist der Leichnam des lebendigen Denkens, das vor dem Erdenleben in der geistigen Welt lebte – der Menschenleib ist sein Sarg; erst wer den Leib als Sarg des toten Denkens empfindet, steht in der Wahrheit. Das Fühlen ist nur halb lebendig, ein schwacher Abglanz der Weltenliebe aus Sonnenmacht. Das Wollen lebt, wird aber von geistigen Gegenmächten angefeindet, die das Weltensein dem Göttersein rauben wollen. In der Steigerung Bild – Kraft – Macht (Denken/Fühlen/Wollen) gibt der Hüter dazu einen mantrischen Spruch.
40

Die Erklärung der drei Tiere – ‹Des dritten Tieres glasig Auge› (Bild · Kraft · Macht)

Des dritten Tieres glasig Auge,
Es ist das böse Gegenbild
Des Denkens, das in dir sich selbst
Verleugnet und den Tod sich wählet,
Absagend Geistgewalten, die es
Vor seinem Erdenleben geistig
In Geistesfeldern lebend hielten.
Des zweiten Tieres Spottgesicht,
Es ist die böse Gegenkraft
Des Fühlens, das die eigne Seele
Aushöhlet und Lebensleerheit
In ihr erschafft statt Geistgehalt,
Der vor dem Erdensein erleuchtend
Aus Geistessonnenmacht ihr ward.
Des ersten Tieres Knochengeist,
Er ist die böse Schöpfermacht
Des Wollens, die den eignen Leib
Entfremdet deiner Seelenkraft
Und ihn den Gegenmächten weiht,
Die Weltensein dem Göttersein
In Zukunftzeiten rauben wollen.
42

Schein und Sein – untertauchen in Denken, Fühlen, Wollen

Weiter ermahnt der Hüter, das Denken nicht als Sein, sondern als Schein zu empfinden: untertauchend in den Schein des Denkens gelangt man in den Weltenäther und soll die führenden Wesen der höheren
Hierarchien Neun geistige Wesensordnungen, in drei Gruppen zu je drei. In den Mantren antworten sie auf die Fragen des Hüters.
mehr Erste Hierarchie (höchste, der Erde am fernsten): Throne, Cherubine, Seraphine. Zweite: Kyriotetes, Dynamis, Exusiai. Dritte (dem Menschen nächste): Archai, Archangeloi, Angeloi. Im Mantram zum Wärmeelement antworten sie chormäßig in Quer-Verbindungen — Angeloi-Exusiai-Throne als ein Chor. GA 270b, Dreizehnte Stunde.
verehren. Im Fühlen mengen sich Schein und Sein – da walten Welten-Seelenkräfte. Im Wollen wirkt verborgenes Sein wie Stoß und Kraft, erfüllt von Welten-Geistesmacht; ihm soll man sein Leben zuwenden. Daraus der dreistrophige Spruch.
43

Die Untertauch-Meditation – ‹Sieh in dir Gedankenweben›

Sieh in dir Gedankenweben:
Weltenschein erlebest du,
Selbstheitsein verbirgt sich dir;
Tauche unter in den Schein:
Ätherwesen weht in dir;
Selbstheitsein, es soll verehren
Deines Geistes Führerwesen.
Vernimm in dir Gefühle-Strömen:
Es mengen Schein und Sein sich dir,
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich;
So tauche unter in scheinendes Sein:
Und Welten-Seelenkräfte sind in dir;
Die Selbstheit, sie soll bedenken
Der eignen Seele Lebensmächte.
Laß walten in dir den Willens-Stoß:
Der steigt aus allem Scheineswesen
Mit Eigensein erschaffend auf;
Ihm wende zu all dein Leben:
Der ist erfüllt von Welten-Geistesmacht;
Dein Eigensein, es soll ergreifen
Weltschöpfermacht im Geistes-Ich.
44

Schlusswiederholung – Das Weltenwort

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrom.
46

Michael-Zeichen und Siegelgesten zum Schluss

Zum Schluss erneut das Weltenwort, dann – im Zeichen Michaels und mit dem Symbolum des Rosenkreuzes – ‹Ex deo nascimur / In Christo morimur / Per spiritum sanctum reviviscimus› mit den drei
Siegelgesten Drei Gebärden, die zum Michael-Zeichen gehören: ‹Ich verbinde mich dem Geiste / Ich liebe den Sohn / Ich bewundere den Vater›.
mehr GA 270c, Erste Wiederholungsstunde.
und ‹Ich bewundere den Vater / Ich liebe den Sohn / Ich verbinde mich dem Geiste›. Die mantrischen Sprüche sind nur für Mitglieder; Weitergabe bedarf der Erlaubnis (Frau Dr. Wegman oder Rudolf Steiner), nicht brieflich; sonstige Mitschriften nach acht Tagen verbrennen.

Lädt …