Mantren Sechste Stunde Dornach · 1924-03-21 · GA 270a, S. 141–167

Sechste Stunde

Dornach · · GA 270a, S. 141–167

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Einleitung – Verwandtschaft mit den Reichen der Natur

Meine lieben Freunde! Es sind ja die Wahrheiten, die der Mensch lernen kann von dem
Hüter der Schwelle Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.
mehr Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›
, an die wir in diesen Betrachtungen herantreten. Die fortwährende Ermahnung des Hüters besteht darin, dass der Mensch gewahr werde, wie er im geistigen Leben seelisch vorwärtskommt, wenn er sich sein wahres Verhältnis zur Welt zum Bewusstsein bringt.
Der Mensch lernt die Welt zunächst kennen, indem er um sich herum die Reiche der Natur sieht – Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich –, jene Reiche, die außer seiner eigenen Wesenheit liegen. Er wird im gewöhnlichen Bewusstsein nur wenig gewahr, wie er aus dieser ganzen Welt herausgewachsen ist, wie es in ihm eine tiefe Verwandtschaft zu ihr gibt. Man muss vorschreiten zu einem selbsterkennenden Sich-Hineinfühlen in die Welt – und darf dann nicht stehenbleiben bei dem, wie die Dinge sich dem äußeren Anblick darbieten, sondern zurückgehen zu dem, was sich zwischen den Dingen offenbart: zur Welt der Elemente.
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Das Elemente-Schema – Unterwelt und Oberwelt

Unsere Füße setzen auf den Boden der festen Erde. Über dem Erdigen liegt das Wässerige, darüber das Luftförmige, darüber das Wärmehafte; und gehen wir vom Substantiellen ins Ätherische, so kommen wir ins Licht, in die Weltgestaltung (den großen Chemismus des Kosmos) und als Höchstes ins Weltenleben (Lebensäther).
Der Mensch steht nicht in allen diesen Elementen mit gleicher innerer Verwandtschaft. Voll verwandt lebt er nur im Element der Wärme. Außerordentlich nahe stehen ihm noch Luft und Licht. Aber dem Wasser steht er schon ferner, der Erde noch ferner – im Unbewussten; und ebenso liegen Weltgestaltung und Weltenleben im Unbewussten. Der offenbarste Einfluss geht vom mittelsten Element, der Wärme, aus.
Daher erhielten in den alten Mysterien die Schüler die Mahnung: Vertrauet dem Feuer, der Luft, dem Licht; doch werdet vorsichtig der Unterwelt gegenüber (Wasser, Erde) und der Oberwelt gegenüber (Weltgestaltung, Weltenleben). Denn weil die Beziehungen so stark ins Unbewusste hineingestellt sind, treten in Weltenleben und Weltgestaltung die Verlockungen Luzifers auf, in Erde und Wasser die Verführungen Ahrimans.
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Imaginatives Fühlen: Tierheit, Pflanzenheit, Mineralwesen

Steigt der Mensch zum imaginativen Leben auf, dann fühlt er gerade diese Verwandtschaft mit den Elementen. Er darf dann nicht in die Welt hinausschauen, sondern muss erfühlen, was in ihm und in der Welt zugleich ist.
Wird man der Verwandtschaft mit der Erde gewahr, dann fühlt man sich nicht mehr in seiner Menschheit, sondern in seiner Tierheit – die innige Verwandtschaft des menschlichen Willens mit der Tierheit. Man bekommt Furcht vor sich selber. Diese Furcht soll man nicht in sich steckenbleiben lassen, sondern in eine höhere Seelenkraft, in Seelenmut verwandeln.
Fühlt man sich eins mit dem Wassersein, wird man gewahr: von Wasser wegen wären wir Pflanze; das Gefühl hat ein träumendes Wesen, die Tendenz, pflanzenhaft zu sein. Das Gefühl der Lahmheit muss sich umwandeln zum inneren Weckruf.
Wird man gewahr, wie man im Luftwesen lebt, dann sieht man, wie alles Denken nichts anderes ist als ein verfeinertes Atmen. Sublimiertes Atmen ist Denken. Wird man sich als Denker und zugleich als Atmer gewahr, dann fühlt man diese Atmungsprozesse wie ein organisiertes Mineral, einen organisierten Stein, der einen erfüllt – ein Mineralisierungsprozess (der Kohlenstoff, die Kohle: innerlich im Menschen ‹der Stein der Weisen›).
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Unterwelt-Mantram (Erde) – ‹Du steigst ins Erden-Wesenhafte›

Du steigst ins Erden-Wesenhafte
Mit deines Willens Kraftentfaltung;
Betritt als Denker du das Erdensein,
Es wird Gedankenmacht dir dich
Als deine eigne Tierheit zeigen;
Die Furcht vor deinem Selbst
Muß dir in Seelen-Mut sich wandeln.
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Unterwelt-Mantram (Wasser) – ‹Du lebest mit dem Wasserwesen›

Du lebest mit dem Wasserwesen
Nur durch des Fühlens Traumesweben;
Durchdring erwachend Wassersein,
Es wird die Seele sich in dir
Als dumpfes Pflanzendasein geben;
Und Lahmheit deines Selbst
Muß dich zum Wachen führen.
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Unterwelt-Mantram (Luft) – ‹Du sinnest in dem Lüftewehen›

Du sinnest in dem Lüftewehen
Nur in Gedächtnis-Bilderformen;
Ergreife wollend Lüftewesen,
Es wird die eigne Seele dich
Als kalterstarrter Stein bedrohn;
Doch deiner Selbstheit Kälte-Tod,
Er muß dem Geistesfeuer weichen.
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Furcht – Lahmheit – Kältetod und ihre Verwandlung

Das sind die drei Ermahnungen des Hüters gegenüber der Unterwelt, der Welt der unteren Elemente: wie der Mensch durch seine Verwandtschaft mit dem Erdenwesen seine Tierheit gewahr werden muss, durch die Verwandtschaft mit dem Wasserwesen seine eigene Pflanzenheit, durch die Verwandtschaft mit dem Lufteswesen sein eigenes Mineralwesen. Furcht, Lahmheit, Tod müssen sich als negative Eigenschaften entwickeln, müssen sich aber metamorphosieren in Seelenmut, Weckekraft und belebendes Feuer. Erst das Angstfühlen vor dem Hinuntersteigen in die Tierheit, dann das Ohnmachtfühlen in der Lahmheit des Pflanzenseins, dann die Sehnsucht, gegenüber dem auskühlenden Steinesdasein das belebende Feuer zu entwickeln.
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Die luziferische Verlockung von Licht/Gestaltung/Leben

So wie wir nach unten in Ahrimans Reich kommen und vor seinen Versuchungskünsten ermahnt werden, so dringen wir auf der anderen Seite, indem wir ins Esoterische hineinwollen, in Licht, Weltgestaltung, Weltenleben. Wir leben im Lichte, indem wir Gedanken bilden; das Denken ist für den, der zur
Imagination Die erste der drei höheren Erkenntnisstufen — Schauen in Bildern, nicht mehr in abstrakten Begriffen.
mehr Beispiel: Der Sternenhimmel wird nicht mehr als Lichtpunkte gesehen, sondern als Bild — die Sterne werden zu ‹Götterwohnungen›. Der Regenbogen wird nicht mehr nur Bogen, sondern ‹mächtige Schale, wie zur Weltenschale›, wenn man ihn von ‹jenseit'ger Warte› schaut. Die Imagination steht vor Inspiration (Hören) und Intuition (Sein im anderen Wesen). GA 270b, Sechzehnte Stunde.
aufsteigt, ein leises Atemverhauchen, das vom innerlich aufgenommenen Lichte durchleuchtet wird. Da tritt die Verlockung Luzifers heran – etwas ungeheuer Schönes, eine wahre innere Wollust; Luzifer will den Menschen den irdischen Elementen entreißen und ihn zur Unzeit zum unreifen, verkümmerten Engel machen. Daher die dreifache Mahnung des Hüters gegenüber der Oberwelt:
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Oberwelt-Mantram (Licht) – ‹Du hältst von Lichtes-Scheines-Macht›

Du hältst von Lichtes-Scheines-Macht
Gedanken nur im Innern fest;
Wenn Lichtesschein in dir sich selber denkt,
So wird unwahres Geisteswesen
In dir als Selbstheitwahn erstehn;
Besinnung auf die Erdennöte
Wird dich im Menschensein erhalten.
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Oberwelt-Mantram (Weltgestaltung) – ‹Du hältst vom Weltgestalten›

Du hältst vom Weltgestalten
Gefühle nur im Innern fest;
Wenn Weltenform in dir sich selber fühlt,
So wird ohnmächtig Geist-Erleben
In dir das Selbstheitsein ersticken;
Doch Liebe zu den Erdenwerten
Wird dir die Menschenseele retten.
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Oberwelt-Mantram (Weltenleben) – ‹Du hältst vom Weltenleben›

Du hältst vom Weltenleben
Das Wollen nur im Innern fest;
Wenn Weltenleben dich voll erfaßt,
So wird vernichtend Geistes-Lust
In dir das Selbst-Erleben töten;
Doch Erdenwollen geist-ergeben,
Es läßt den Gott im Menschen walten.
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Engel zur Unzeit – die gottergebene Glut-Liebe

Man kann sein kosmisches Ziel nur erreichen, wenn man zur rechten Zeit Engel wird – während des Jupiterdaseins. Luzifers Verführung besteht darin, den Menschen zur Unzeit, noch während des Erdendaseins, zum verkümmerten Engel zu machen; dann wäre die Menschenseele verloren. Am intensivsten ist die Verlockung im Weltenleben: bewusst im allgemeinen Weltenleben leben heißt, den Tod als einzelnes Wesen erfahren – wie das Insekt, das aus Gier nach dem Lichte in die Flamme fliegt. Nur ein gottergebenes, geistergebenes Erdenwollen, durchdrungen von hingebender Glut-Liebe, bewahrt davor, ein degenerierter Engel zu werden, statt Mensch zu bleiben, solange das Menschsein notwendig ist.
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Es ist die Praxis des Erkennens, die in diesen Stunden vorgeführt wird – nicht eine Schilderung theoretischer Dinge. Das Herzhafte erleben Sie, wenn Sie die wahre Voraussetzung haben: dass dasjenige, was hier gesagt wird, die Unterweisung des Hüters der
Schwelle Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.
mehr Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›
selber ist, entstanden unmittelbar aus dem, was man im Gespräche mit dem Hüter erhalten kann. Nicht Theorien zu geben ist die Absicht, sondern die geistige Welt selber sprechen zu lassen. Deshalb wurde in der ersten Klassenstunde gesagt, dass diese Schule als eingesetzt aus der geistigen Welt selber angesehen werden soll. Das war das Wesen aller Mysterienschulen und muss es bleiben. Ohne den Ernst, den ein jeglicher Angehöriger dieser Klasse in sich rege machen soll, kann niemand wirkliches Mitglied dieser Schule sein.
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Wandtafelzeichnung zur Sechsten Stunde

Das vollständige Elemente-Schema dieser Stunde: die sieben Elementenstufen, oben die luziferische, unten die ahrimanische Versuchungsregion, die mittlere Wärme als die dem Menschen voll verwandte Stufe. Unmittelbare Lese- und Meditationshilfe zu den sechs
Mantren Verdichtete Sprüche, die in den Klassenstunden gesprochen und an die Tafel geschrieben wurden. Sie sind keine Lehrsätze, sondern Meditationssubstanz.
mehr Steiner war es ausdrücklich nicht um das Gedächtnis zu tun: ‹Ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche.› Die Mantren wirken durch wiederholtes inneres Erleben, nicht durch Lernen. Daher die Bedeutung der Stimmung — ‹Ernstes, Feierliches, Weihevolles›. GA 270a, Vierte Stunde.
(Unterwelt und Oberwelt).
Wandtafel Rudolf Steiners vom 21. März 1924: links untereinander die Elementenreihe ‹Weltenleben / Weltgestaltung / Licht / Wärme / Luft / Wasser / Erde› mit farbigen Kreuzen (Wärme rot, Licht und Luft gelb, die übrigen blau); rechts daneben die Klammern und die Namen ‹Luzifer› (oben) und ‹Ahriman› (unten); darunter eine helle Flammenfigur; unten das Datum ‹21. März 24›.
GA 270i, Wandtafelzeichnungen, Tafel zur Sechsten Stunde (21.3.1924)

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