Fünfte Stunde
Einleitung – Wollen/Fühlen/Denken und die Weltzugehörigkeit
Meine lieben Freunde! Wir haben gesehen, welche Veränderungen mit dem Menschen vorgehen, wenn er bekannt wird mit dem Wesen des Hüters der . Wir haben insbesondere gesehen, wie Denken, Fühlen und Wollen verschiedene Wege durchmachen beim Betreten der geistigen Welt. Der Mensch wird seinem Wollen nach stark hingewiesen auf seinen Erdenzusammenhang; das Wollen erweist sich als verwandt mit jenen Kräften, die den Menschen zur Erde hinziehen. Das Fühlen erweist sich verwandt mit jenen Kräften, die den Menschen halten in dem Umkreis der Erde, den das Licht durchwellt. Das Denken aber ist die Kraft, die den Menschen nach oben, nach dem Himmlischen verweist. So macht den Menschen aufmerksam, wie er der ganzen Welt angehört: durch sein Wollen der Erde, durch sein Fühlen dem Umkreis, durch sein Denken den oberen Mächten.
Schwelle
Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.mehr
Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›der Hüter
Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.mehr
Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›Die Kluft als Schwelle – die Natur muss göttlich erscheinen
Das ist es, was mit dem Eintritt in das geistige Leben für den Menschen klarwerden muss, dass ein Zusammenwachsen mit der ganzen Welt eintritt. Für das gewöhnliche Bewusstsein stehen wir so da, dass da draußen außer uns die walten, die im Pflanzen-, im Mineral-, im Tierreiche tätig sind und keine Verwandtschaft mit dem Menschen zeigen. Wir fühlen eine tiefe Kluft zwischen unserem Menschenwesen und der sich ausbreitenden Natur. Aber diese Kluft muss sich überbrücken – denn diese Kluft ist gerade die Schwelle. Das Gewahrwerden der Schwelle beruht darauf, dass wir aufhören, jene Unbewusstheit einfach hinzunehmen, die uns auf uns zurückweist, wenn wir nach innen schauen, und auf eine menschenfremde Natur weist, wenn wir nach außen blicken.
Mächte
‹Mächte› — mittlere Stufe der zweiten Hierarchie. Sprechen an das Fühlen.mehr
‹Erfühle Geistes-Welten-Leben im Menschen-Körper-Leben.› Ein Großes muss an den Menschen herantreten, wenn er den zwischen sich und der Natur gewahr wird: Die Natur muss göttlich erscheinen können, und der Mensch muss magisch wesen können. So wie die Natur zunächst den Sinnen erscheint, wie sie der Verstand erfasst, ist sie ja ungöttlich; die Göttlichkeit verbirgt sich in der Natur.
Abgrund
Der Spalt zwischen Sinneswelt und Geisteswelt, an dem der Hüter steht. Über ihn kann nur das geistig-seelische Wesen schreiten.mehr
Mantram ‹Wo auf Erdengründen …›: ‹Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, / Hinter ihm, da gähnen Abgrundtiefen.›Luft – Wärme – Licht: die Aufstiegsregionen
Im Natürlichen haben wir eine Verwandtschaft des menschlichen physischen Leibes mit dem Festen, des ätherischen Leibes mit dem Wässerigen. Aber diese Verwandtschaften liegen tief unter dem, was der Mensch zunächst erlebt. Dasjenige, was dem Menschen nahesteht, ist erst sein Atmungsprozess, der im Luftförmigen waltet. Und erst vom Atmungsprozess nach aufwärts beginnt die Region, in der der Mensch sich, wenn er an das Geistige herantritt, verwandt fühlen kann mit der Natur.
Wir haben, auf den Atmungsprozess hinschauend, das Luftförmige, in dem wir wesen und leben. Wir haben dann über dem Luftförmigen das Wärmehafte, und über dem Wärmehaften das Lichtwesenhafte: Wärmeäther, Lichtäther. Im gewöhnlichen Erleben fühlt der Mensch die Luft als etwas Äußerliches, die Wärme als etwas, was ihn von außen berührt, das Licht als etwas, was von außen an ihn herankommt. In dem Augenblicke aber, wo der Mensch jenen Ruck durchmacht, der ihn in die Nähe des Hüters bringt, wird er gewahr, wie er mit demjenigen, dem er sonst fremd gegenübersteht, inniglich verwandt wird.
Mit jeder Ausatmung dringen wir hinaus in die Weiten des Daseins; mit der Einatmung nehmen wir die Geister, die im Luftkreislauf leben, in uns hinein. Geistige Welt fließt in uns mit der Einatmung; unser eigenes Wesen fließt in die Umwelt mit der Ausatmung. Noch intensiver ist es mit dem Wärmewesen: mit dem Steigen der Wärme werden wir mehr Mensch, mit dem Sinken weniger. Und im Lichte: jeder Gedanke ist aufgefangenes Licht – beim physisch Sehenden wie beim physisch Blinden.
Zerteilung in die Weltelemente
Treten wir vor den Hüter der Schwelle, so ermahnt er uns: Mensch, indem du denkst, ist dein Wesen nicht in dir, es ist im Lichte. Indem du fühlst, ist dein Wesen in der Wärme. Indem du willst, ist dein Wesen in der Luft. Bleibe nicht in dir, o Mensch.
Das muss man stark ins Bewusstsein aufnehmen, dass man vor dem Hüter der Schwelle zerteilt wird in die Weltelemente, dass man sein Wesen nicht mehr so selbstverständlich zusammenfassen kann wie im gewöhnlichen Bewusstsein. Das ist das große Erleben der Einweihungserkenntnis: dass man aufhört, ernst zu nehmen, dass man in der Haut eingeschlossen ist. Denn der Mensch ist so groß wie das Weltenall: seine Gedanken sind so weit wie das Licht, seine Gefühle so weit wie die Wärme, sein Wollen so weit wie die Luft. Ein von einem fremden Weltenkörper kommendes Wesen würde sagen: Die wirklichen Menschenwesen stecken alle ineinander in Licht, Wärme und Luft und umgeben die Erde; ihre Leiber sind nur die äußeren Zeichen, dass sie da sind.
Licht und Finsternis werden moralische Mächte
Zunächst muss gewissermaßen das Licht moralisch wirken. Dann tritt einem klar vor das Bewusstsein, wie in dem Augenblicke, wo man die Schwelle betritt, das Licht recht wesenhaft wird und einen harten Kampf zu bestehen hat gegen die finsteren Mächte. Da wird Licht und Finsternis real.
Es gibt Lichtwesen im Umkreis der Erde, die den Menschen in jedem Augenblicke hinwegreißen wollen von der Erde und ihn verweben wollen mit dem Sonnenlichte. Für das entwickelte Bewusstsein steht die Sonne am Himmel als der große Verlocker, der uns immer mit seinem Lichte vereinen und von der Erde losreißen will. Verfallen wir ins andere Extrem und suchen Ruhe in der Finsternis, dann droht uns dieses Selbst einsam zu werden, getrennt von allem übrigen Sein. Wir Menschen können nur in der Gleichgewichtslage zwischen Licht und Finsternis leben.
Wir werden innerlich erst beruhigt an der Schwelle, wenn wir sehen, wie die mittleren, die guten Götter uns das Licht abdämpfen zum hellen Gelb, zur hellen Röte, und die Finsternis aufhellen zum Violetten, zum Blauen. Gelb und Rot sagen uns: Es wird das Licht dich nicht durch seine Verlockungen von der Erde hinwegheben können. Violett und Blau sagen uns: Es wird die Finsternis dich nicht in der Erde begraben können als Seele. Daher sollen wir die Worte hören, die der Hüter der Schwelle spricht, indem wir ihm mit unserem selbständig gewordenen Denken begegnen:
Erstes Mantram (Denken) – Licht und finstre Mächte
Es kämpft das Licht mit finstren Mächten
In jenem Reiche, wo dein Denken
In Geistesdasein dringen möchte.
Du findest, lichtwärts strebend,
Dein Selbst vom Geiste dir genommen;
Du kannst, wenn Finstres dich verlockt,
Im Stoff das Selbst verlieren.
Innerer Mut – der unsichtbare Abgrund
Man muss solche Impulse stark aufnehmen in das Denken, muss am äußeren Licht, an der äußeren Finsternis empfinden lernen, wie dieses Licht nur ertragen wird, wenn es zur Farbe abgedämpft wird; wie das Denken, wenn es ins Licht kommt, hingenommen, verwoben wird in das Licht; wenn es ins Finstere kommt, erlischt. Und man muss, um solches zu erleben, Mut haben, inneren Mut.
Für den Menschen im gewöhnlichen Bewusstsein erscheint das Leben so gefahrlos wie für den Nachtwandler, der noch nicht angerufen worden ist. Wenn Sie einen Seiltänzer auf dem Seile sehen, haben Sie das Bewusstsein, dass er jeden Augenblick herunterfallen kann. Dass Sie seelisch selber auf einem solchen Seile gehen – nach links und rechts kann jeder Mensch seelisch abstürzen –, davon ist im gewöhnlichen Leben kein Bewusstsein vorhanden, weil man links und rechts den Abgrund nicht sieht. Er ist aber da. Das ist die Wohltat des Hüters der Schwelle, dass er diesen Abgrund nicht sichtbar sein lässt, bis wir durch seine Ermahnungen vorbereitet sind.
Wärme und Kälte in bezug auf das Fühlen
So wie es mit dem Lichte in bezug auf das Denken ist, so ist es mit der Wärme in bezug auf das Fühlen. Die luziferischen Wärmewesen wollen unser Fühlen aufsaugen in der allgemeinen Weltenwärme. Der Mensch wird warm, warm, warm, er wird ganz selber Wärme, er fließt über in die Wärme – das ist eine Riesenlust, das ist das Verlockende. Die Feinde dieser Wärmewesen sind die ahrimanischen Kältewesen: wer sich in die gesundende Kälte flüchtet, gerät ins andere Extrem, da kann die Kälte ihn verhärten, und es entsteht unendlicher Schmerz, der gleich physischem Schmerz ist. Daher die Ermahnung des Hüters in bezug auf das Fühlen:
Zweites Mantram (Fühlen) – Warmes und Kaltes
Es kämpft das Warme mit dem Kalten
In jenem Reiche, wo dein Fühlen
Im Geistesweben leben möchte.
Du findest, Wärme liebend,
Dein Selbst in Geisteslust verwehend;
Du kannst, wenn Kälte dich verhärtet,
Im Leid das Selbst verstäuben.
Leben und Tod in der Luft – Sauerstoff/Stickstoff
Mit dem Wollen taucht der Mensch in die Welt der Luft ein, die unsern Atmungsprozess unterhält. In der Luft liegt Leben und Tod: der belebende Sauerstoff, der ertötende Stickstoff. Der Chemiker sagt mit seiner schrecklichen Abstraktion: Die Luft besteht aus Sauerstoff und Stickstoff. Tritt man an die Schwelle hin, so besteht sie aus Ahriman und Luzifer – der Sauerstoff ist die äußere Maske für Luzifer, der Stickstoff die äußere Maske für Ahriman. In der Luft wird ein Kampf gekämpft.
Verbindet man sein Wollen mit Geistesschaffen, droht die Gefahr, dass man von den Sauerstoffgeistern hingenommen wird, aufhört, ein Mensch zu sein. Wendet man sich zur entgegengesetzten Seite, locken die ahrimanischen Stickstoffmächte: man will im Tode handeln, im Nichts handeln, man verkrampft im Selbst. Wiederum ist der Mensch zwischen zwei Gegensätze hineingestellt, die er gewahr werden muss in bezug auf sein Wollen:
Drittes Mantram (Wollen) – Leben und Tod
Es kämpft das Leben mit dem Tode
In jenem Reiche, wo dein Wollen
Im Geistesschaffen walten möchte.
Du findest, Leben fassend,
Dein Selbst in Geistesmacht verschwinden;
Du kannst, wenn Todesmacht dich bändigt,
Im Nichts das Selbst verkrampfen.
Die drei Stationen nach dem Tode
Wenn der Mensch durch die Todespforte tritt und der Rückblick ihm bewusst zu werden anfängt, so raunen geistige Wesenheiten in diesen Rückblick hinein, so dass es als ein leiser Nebenton da ist – die Worte vom Kampf des Lebens mit dem Tode. An den drei Stationen des Lebens nach dem Tode werden dem Menschen diese Worte zugerufen: beim Rückblick (Wollen – Leben/Tod), beim rückwärtsgewandten Erleben (Fühlen – Wärme/Kälte), im freien Geisterlande (Denken – Licht/Finsternis). Daher der Rat, an Verstorbene Gedanken zu richten wie: ‹Meine Liebe wandle zu dir, dass sie wärme deine Kälte, lindre deine Wärme.›
Als der Mensch noch ein instinktives Hellsehen hatte, konnte er diese Worte verstehen. Jetzt leben wir in jenem Zeitalter, in dem die Menschen, wenn sie nicht während des Erdenlebens auf den Sinn dieser Worte aufmerksam gemacht werden, sie zugerufen erhalten und nicht verstehen – und alle Qualen des Nichtverstehens durchleben müssen: das immer stärkere Überhandnehmen der Angst, den Zusammenhang mit den schaffenden Geistesmächten zu verlieren.
In die Esoterik eindringen bedeutet nicht einen bloßen Unterricht, nicht eine bloße Theorie – es bedeutet: an sich herannehmen eine ernste Angelegenheit des Lebens. Wer in Esoterik eintaucht, taucht nicht in Lehre, nicht in Theorie ein, taucht in das Leben ein. Das Leben, das unsere Sinne gewahr werden, ist nur die äußere Offenbarung; hinter dem ist in jeder Stunde die geistige Welt. Vertiefen wir uns aber meditierend in solche Worte, dann erstarkt unser Denken, Fühlen und Wollen, dann wird es in die Lage kommen, den Geist wirklich zu ergreifen.
Wandtafelzeichnung zur Fünften Stunde
Tafelbild der Fünften Stunde: ‹Licht – Wärme – Luft› als die drei Aufstiegsregionen, mit der farbigen Darstellung des im Lichtumkreis stehenden Selbst. Unmittelbare Lese- und Meditationshilfe zu den drei dieser Stunde.
Mantren
Verdichtete Sprüche, die in den Klassenstunden gesprochen und an die Tafel geschrieben wurden. Sie sind keine Lehrsätze, sondern Meditationssubstanz.mehr
Steiner war es ausdrücklich nicht um das Gedächtnis zu tun: ‹Ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche.› Die Mantren wirken durch wiederholtes inneres Erleben, nicht durch Lernen. Daher die Bedeutung der Stimmung — ‹Ernstes, Feierliches, Weihevolles›. GA 270a, Vierte Stunde.