Mantren Zwölfte Stunde Dornach · 1924-05-11 · GA 270b, S. 49–69

Zwölfte Stunde

Dornach · · GA 270b, S. 49–69

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Einleitung

Meine lieben Freunde! Wir sprechen zunächst den Spruch, der uns gemahnt an dasjenige, was aus dem Weltenall selber herauskommt wie eine Aufforderung zur
Selbsterkenntnis Der Ausgangspunkt der Klasse, gefaßt im Wort ‹O Mensch, erkenne dich selbst!› — kein Brüten ins Innere, sondern ‹ausführliches Gespräch mit Welt, Hüter und Hierarchien›.
mehr GA 270b, Zwölfte Stunde.
– das
Weltenwort Das schöpferische Wort, das aus dem Weltenall an den Menschen herantönt. Eröffnet jede Klassenstunde mit ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›
mehr Anders als das Menschenwort, in dem Menschendenken spricht, spricht im Geistes-Weltenwort das Weltendenken. Die Seraphine sprechen es als Feuersprache, ‹flammende Stimme›. GA 270b, Sechzehnte Stunde.
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Das Weltenwort – ‹O Mensch, erkenne dich selbst!›

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrom.
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Selbsterkenntnis und der Hüter der Schwelle

Selbsterkenntnis ist es, was im geistigen Sinne zur Welterkenntnis führen kann. An der
Schwelle Der Übergang zwischen Sinneswelt und geistiger Welt. Vor ihr liegt der ‹Abgrund› — die Stütze des physischen Bewußtseins hört auf.
mehr Bevor der Mensch in das Reich der Erkenntnis eintritt, kommt er an einen Abgrund, der sich zunächst als Bodenloses darstellt. Man kann ihn nur übersetzen, wenn einem ‹symbolisch gesprochen Flügel wachsen› — wenn man sich vom Physischen befreit. GA 270b: ‹Dabei bemerkt der Mensch, daß er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt …›
steht
der Hüter Geistige Wesenheit, die am Übergang von der Sinneswelt in die geistige Welt steht. Sie stellt prüfende Fragen — die Mantren der Klasse sind oft Frage des Hüters und Antwort der Hierarchien.
mehr Der Hüter ist nicht Hindernis, sondern Mahnender. Er macht den Menschen darauf aufmerksam, daß er, will er die Schwelle übertreten, sein Denken, Fühlen und Wollen verwandeln muß. In den Mantren tritt er sprechend auf: ‹Der Hüter spricht …› — und es antworten Angeloi, Exusiai, Throne und so weiter. In späteren Stunden ‹spricht der Hüter aus der Ferne›, weil der Schüler an ihm vorbeigeschritten ist. GA 270b, Dreizehnte Stunde: ‹Der Hüter der Schwelle stellt die prüfend-mahnende Frage an uns. Die Hierarchien antworten.›
, der den Menschen im gewöhnlichen Bewusstsein davor bewahrt, unvorbereitet in die geistige Welt einzutreten. Das Drinnenstehen in der geistigen Welt wird meist falsch vorgestellt, weil man etwas der Sinnenwelt Ähnliches haben will; es muss aber zu einem wirklichen Erleben führen. Viele haben davon mehr, als sie denken – sie geben nur nicht acht, wie im Innern des seelischen Erlebens das Geistige waltet und webt. Es kommt auf die intime Aufmerksamkeit an.
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Sprechen, Denken, Erinnern spüren – Einsamkeit im Trubel

Eine Anweisung: Nehmt irgendein gut bekanntes
Mantram Verdichtete Sprüche, die in den Klassenstunden gesprochen und an die Tafel geschrieben wurden. Sie sind keine Lehrsätze, sondern Meditationssubstanz.
mehr Steiner war es ausdrücklich nicht um das Gedächtnis zu tun: ‹Ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche.› Die Mantren wirken durch wiederholtes inneres Erleben, nicht durch Lernen. Daher die Bedeutung der Stimmung — ‹Ernstes, Feierliches, Weihevolles›. GA 270a, Vierte Stunde.
und sprecht es euch in sanftem, stillem Tone vor. Dann spürt, wie das Sprechen in euren Organen verläuft – als Druck und Wellenzug in den Sprachorganen. An diesem Sprechenspüren lernt ihr das Denkenspüren: ein gegenwärtig veranlasster Gedanke ist leiser, aber zu spüren – etwas gegen das Hinterhaupt zu. Ein Erinnerungsgedanke wird unter der Sprachlokalität empfunden. Wird das eine intime Erfahrung, hat man den Anfang eines weitergehenden geistigen Erfassens.
Dazu ist grosse Abgeschlossenheit nötig – aber nicht, indem man sich in eine Hütte am Montblanc zurückzieht. Das Beste ist, mitten im Trubel des Lebens zu stehen und dennoch durch die eigene Gewalt der Seele eine Zeit auszusondern, in der man – mitten drin und doch ganz ausserhalb – rein durch die Gewalt des Inneren einsam ist.
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Drei Töne jenseits der Schwelle

Die ersten Mantren wurden still aus der Seele gesprochen; spätere klangen teils aus der Seele, teils als ein Tönen aus den Weltenweiten. Beim heutigen Mantram stelle sich die Seele vor, dass sie ganz schweigt und schon jenseits der Schwelle vor dem Hüter steht, und dreierlei Töne vernimmt: der erste klingt aus dem weiten Weltenall, der zweite kommt vom Hüter, der dritte von den Wesen der
Hierarchien Neun geistige Wesensordnungen, in drei Gruppen zu je drei. In den Mantren antworten sie auf die Fragen des Hüters.
mehr Erste Hierarchie (höchste, der Erde am fernsten): Throne, Cherubine, Seraphine. Zweite: Kyriotetes, Dynamis, Exusiai. Dritte (dem Menschen nächste): Archai, Archangeloi, Angeloi. Im Mantram zum Wärmeelement antworten sie chormäßig in Quer-Verbindungen — Angeloi-Exusiai-Throne als ein Chor. GA 270b, Dreizehnte Stunde.
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Erstes Mantram – ‹Vernimm des Denkens Feld› (Angeloi / Archangeloi / Archai)

Vernimm des Denkens Feld:
Es spricht, der dir die Wege
Von Erdensein zu Erdensein
Im Geisteslichte weisen will:
Blick' auf deiner Sinne Leuchtewesen.
Es spricht, der dich zu Seelen
Im stoffbefreiten Seinsgebiete
Auf Seelenschwingen tragen will:
Blick' auf deines Denkens Kräftewirken.
Es spricht, der unter Geistern
Im erdenfernen Schöpferfelde
Den Daseinsgrund dir geben will:
Blick' auf der Erinnerung Bildgestalten.
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Die drei niederen Hierarchien – das Bild des Auges

Das erste Mantram führt durch die drei niederen Hierarchien. Aus dem Kosmos tönt ‹Vernimm des Denkens Feld›; der Hüter weist je dreizeilig ein, dann spricht das zu uns gehörige Wesen die paradigmatische Zeile: ‹Blick' auf deiner Sinne Leuchtewesen› (
Angeloi ‹Engel› — die unterste, dem einzelnen Menschen verbundene Wesensordnung der dritten Hierarchie.
mehr Im Mantram zum Element Erde: ‹Angeloi: Empfinde, wie wir in deinem Denken empfinden.› Der Mensch spricht sein Ich durch das Haupt aus; durch dieses Glied wirken die Angeloi, im Hintergrund die dirigierenden Archangeloi. GA 270b, Zehnte Stunde.
– auch unsere Sinne leuchten, nur bemerken wir es nicht), ‹Blick' auf deines Denkens Kräftewirken› (
Archangeloi ‹Erzengel› — leiten Völker und Zeitalter. Sie sprechen im Mantram zum Element Erde an das Fühlen.
mehr ‹Archangeloi: Erlebe, wie wir in deinem Fühlen erleben.›
– wir denken, erfassen aber das Denken nicht), ‹Blick' auf der Erinnerung Bildgestalten› (
Archai ‹Urkräfte› — höchste Stufe der dritten Hierarchie. Im Mantram an das Wollen gerichtet.
mehr ‹Archai: Schaue, wie wir in deinem Wollen schauen.› Im dritten Stadium nach dem Tode arbeiten Archai, Kyriotetes und Seraphine an der Ausarbeitung des Karma: ‹Erbitte dir in ew'gen Wesentaten die Geisterlösermächte.› GA 270b, Vierzehnte Stunde.
– das tief unter der Sprache Liegende). Vor der Übung rückt man sich ein Bild vor die Seele: ein nach oben blickendes Auge, das den Kreis der höheren Hierarchien vernimmt, die ihre Kräfte einströmen lassen, und den Kreis der unteren Hierarchien, die die Strahlen zum Menschen weiterschicken.
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Zweites Mantram – ‹Vernimm des Fühlens Feld› (Exusiai / Dynamis / Kyriotetes)

Vernimm des Fühlens Feld:
Es spricht, der als Gedanke
Aus Geistes-Sonnenstrahlen
Dich zum Weltendasein ruft:
Fühl' in deines Atems Lebensregung.
Es spricht, der Weltendasein
Aus Sternen-Lebenskräften
Dir in Geistesreichen schenket:
Fühl' in deines Blutes Wellenweben.
Es spricht, der dir den Geistes-Sinn
In lichten Götter-Höhenreichen
Aus Erdenwollen schaffen will:
Fühl' der Erde mächtig Widerstreben.
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Die zweite Hierarchie – das Ich als Gottesgedanke

Das zweite Mantram steigt in die zweite Hierarchie. ‹Vernimm des Fühlens Feld› – hier werden wir nicht nur auf Vorhandenes aufmerksam gemacht, sondern vernehmen, wie wir ins Weltendasein selbst hineingerufen werden. Die Zeilen: ‹Fühl' in deines Atems Lebensregung› (
Exusiai ‹Gewalten› — unterste Stufe der zweiten Hierarchie. Sprechen an das Erkennen.
mehr ‹Erkenne Geistes-Welten-Schaffen im Menschen-Körper-Schaffen.›
– wenn ein Wesen der Exusiai denkt, denkt es uns; unser Ich ist sein realer Gedanke), ‹Fühl' in deines Blutes Wellenweben› (
Dynamis ‹Mächte› — mittlere Stufe der zweiten Hierarchie. Sprechen an das Fühlen.
mehr ‹Erfühle Geistes-Welten-Leben im Menschen-Körper-Leben.›
– Geistesdasein aus den Lebenskräften der Sterne geschenkt), ‹Fühl' der Erde mächtig Widerstreben› (
Kyriotetes ‹Herrschaften› — höchste Stufe der zweiten Hierarchie. Sprechen an das Wollen.
mehr ‹Wolle Geistes-Welt-Geschehen im Menschen-Körper-Sein.›
– Erdenwollen ist nur umgewandeltes Himmelswollen; im Widerstand der Erde empfindet man die gnadevolle Erteilung der Kräfte aus Himmelshöhen). Das Hinaufsteigen in
Seraphine Höchste Stufe der ersten Hierarchie. Sie verbergen sich tief in der Weltenhitze und offenbaren sich nur als ‹Schein›.
mehr Tafel-Notiz: ‹Weltenhitze — Seraphine — Schein›. — ‹Erweck' in dir Innen-Licht in deinem Gottes-Welten-Licht.› Die Seraphine sprechen die Feuersprache des Weltenwortes — ‹flammende Stimme›. GA 270b, Sechzehnte Stunde.
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Cherubine Mittlere Stufe der ersten Hierarchie. In den Blitzen zeigen sie nicht sich selbst, sondern ihre ‹Werkzeuge›.
mehr Tafel-Notiz: ‹Blitze — Cherubine — Werkzeuge›. — ‹Erwarme am Innen-Leben in deinem Gottes-Welten-Leben.›
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Throne Unterste Stufe der ersten Hierarchie. In den Wolken offenbaren sie ihr ‹Wesen›.
mehr Tafel-Notiz der Dreizehnten Stunde: ‹Wolken — Throne — Wesen›. Sie tragen den ‹Welten-Leib›, in dem das gedankendurchleuchtete Welten-Geisteswort ruht. Im Mantram: ‹Ergreife wissend Innen-Sein in deinem Gottes-Welten-Sein.› GA 270b, Dreizehnte Stunde.
folgt in der nächsten Stunde.
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Die innere Weihe – Selbsterkenntnis als Feierliches

Das Selbst steht nicht zur äusseren Natur in eigentümlicher Beziehung, sondern allein zu dem, was in der geistigen Welt ist. Wer in wahre Selbsterkenntnis eintritt, muss in die Reihen der höheren Hierarchien eintreten und ihre Sprache vernehmen. Die Ermahnungen des Hüters dazwischen sorgen dafür, dass man es mit aller Kraft tue und nicht zu blutleerer Theorie macht; die gewaltigen Rufe aus dem Kosmos geben die Majestät.
Nötig ist die innere Weihe, jene Stimmung, in der man eine Weile der äusseren Welt entrückt ist. Selbsterkenntnis ist etwas Feierliches, Ernstes, Heiliges; ein grosses Hindernis ist das Beschwätzen dieser Dinge im Cliquenwesen, mit einem Anflug von Eitelkeit. Im esoterischen Leben muss volle Wahrheit herrschen. Am Ende erklingt wiederum das Weltenwort – im Grunde eine Frage, deren Antwort in den Mantramtexten gegeben ist.
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Schlusswiederholung – Das Weltenwort

O Mensch, erkenne dich selbst!
So tönt das Weltenwort.
Du hörst es seelenkräftig,
Du fühlst es geistgewaltig.
Wer spricht so weltenmächtig?
Wer spricht so herzinniglich?
Wirkt es durch des Raumes Weitenstrahlung
In deines Sinnes Seinserleben?
Tönt es durch der Zeiten Wellenweben
In deines Lebens Werdestrom?
Bist du es selbst, der sich
Im Raumesfühlen, im Zeiterleben
Das Wort erschafft, dich fremd
Erfühlend in Raumes Seelenleere,
Weil du des Denkens Kraft
Verlierst im Zeitvernichtungsstrom.
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Wandtafelzeichnung zur Zwölften Stunde

Das im Vortrag beschriebene Konzentrationsbild: das hinaufblickende Auge, das die höheren Hierarchien vernimmt, die ihre Kräfte über die unteren Hierarchien zum Menschen senden; in der Mitte das ‹Ich›. Unmittelbare Lese- und Meditationshilfe zu den beiden Mantren dieser Stunde.
Wandtafel Rudolf Steiners vom 11. Mai 1924: oben links ein nach oben blickendes Auge mit ausstrahlenden Linien; darunter ein gelber Kreis mit dem Wort ‹Ich›; rechts ein grosses Menschenprofil in Weiss, Rot und Gelb; unten rechts eine strahlenumringte Form mit nach innen weisenden Strichen.
GA 270i, Wandtafelzeichnungen, Tafel zur Zwölften Stunde (11.5.1924)

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