Zehnte Stunde
Einleitung – der gesunde Menschenverstand als Anfang
Meine lieben Freunde! In der esoterischen Entwickelung kommt alles darauf an, dass der Mensch versteht, was es heisst, in einem Weltensein zu leben, zu dem die Sinne und die ganze körperliche Organisation keine Vermittler sind – mit dem Geistig-Seelischen, das des Menschen wahre Wesenheit ist, in einer geistig-seelischen Welt. Dazu dienen die verschiedenen meditativen Übungen und die in einzelnen Sprüchen zusammengefassten Betrachtungen dieser Klassenstunden, die wirkliche Mitteilungen aus der geistigen Welt sind.
Der gesunde Menschenverstand kann alles begreifen, was die Anthroposophie darbietet – wenn er sich anstrengt und von Vorurteilen säubert. Gerade daran ist ein Prüfstein gegeben: Wer den Inhalt anthroposophischer Wahrheit einleuchtend findet, dessen gesunder Menschenverstand ist in diesem Moment schon unabhängig von der Leiblichkeit – und das ist der Anfang des esoterischen Strebens. Wer die Anthroposophie dagegen für blosse Phantastik hält, ist karmagemäss heute nicht in der Lage, den Verstand von der Körperlichkeit abzulösen.
Vom finstren Erdbereich zum Schein der Sterne
Heute möchte ich wiederum eine Hilfe geben, die den Menschen aus dem Leibe herausbringen kann. Man stelle sich – auch in blossen Gedanken – die mineralische, pflanzliche, irdische Umgebung vor und gestehe sich in aller Ehrlichkeit ein, wie blind, wie im Finstern tappend man innerhalb des physischen Erdenlebens steht. Dann wende man den Blick ab und hinauf zum sternenbesäten Himmel: Man hängt als Mensch ebenso mit dem zusammen, was aus den Weltenweiten herunterglänzt, wie mit der physischen Umgebung.
Versenkt man sich wirklich in den Anblick des Sternenhimmels, so wird er zu einer Fülle von Imaginationen. Die alten Hirten schauten mit geschlossenen Augen die Bilder, die den Weltenraum erfüllen; wir können dies nicht mehr instinktiv, aber mit grösserer Besonnenheit. Aus der inneren Verehrung, dem Inbrünstigen der Verehrung, entsteht das Erlebnis, dass die äusseren Sinnesbilder der Sterne verschwinden und der Sternenhimmel zur wird – und wir fühlen uns von unserem Seelenblicke mitgenommen.
Imagination
Die erste der drei höheren Erkenntnisstufen — Schauen in Bildern, nicht mehr in abstrakten Begriffen.mehr
Beispiel: Der Sternenhimmel wird nicht mehr als Lichtpunkte gesehen, sondern als Bild — die Sterne werden zu ‹Götterwohnungen›. Der Regenbogen wird nicht mehr nur Bogen, sondern ‹mächtige Schale, wie zur Weltenschale›, wenn man ihn von ‹jenseit'ger Warte› schaut. Die Imagination steht vor Inspiration (Hören) und Intuition (Sein im anderen Wesen). GA 270b, Sechzehnte Stunde. Schon zu Platos Zeiten wusste man: beim Sehen strömt etwas Ätherisches vom Auge aus und umfasst das Angeschaute. So nehmen wir unseren in seiner Weltzugehörigkeit wahr, wenn der sternenbesäte Himmel zum grossen Blatt der Welt wird, auf dem die imaginativen Geheimnisse des Weltendaseins eingeschrieben sind. Der hört auf, Schein zu sein; wir weben mit unserem ätherischen Dasein in dem Scheine des Kosmos.
Ätherleib
Der Lebensleib des Menschen, der über den physischen Leib hinausreicht. In ihm lebt das wirkliche Denken, dessen physischer Abdruck der ‹Schein› unseres gewöhnlichen Denkens ist.mehr
GA 270c, Sechste Wiederholungsstunde.Schein
Die Welt der Sinne, sofern sie als das Eigentliche genommen wird. Der Weg der Klasse geht aus dem ‹Reich der Illusion, im Reiche der Maja› hinüber.mehr
GA 270b, Sechzehnte Stunde.Den Tierkreis von aussen lesen
Wir haben uns hinausgewoben und sind mit unserem ätherischen Sein im imaginativen Weltengewebe – nicht mehr im physischen Leibe. Die Götter haben die Weltenimaginationen in den Kosmos hineingeschrieben; kommen wir draussen an, so sehen wir sie von der anderen Seite. Der Tierkreis spricht eine bedeutungsvolle Sprache, wenn man ihn nicht von der Erde ansieht, sondern ihn von aussen umkreist – es ist eine Tat unseres Bewusstseins. Da wird das Anstarren zum Lesen, und was wir lesen, sind die geistigen Taten der geistigen Wesenheiten. Lesen wir lange genug in dieser Stummheit, beginnen wir auf geistige Art zu hören: dann sprechen die Götter mit uns, dann sind wir in der geistigen Welt drinnen. So findet man den Weg, wenn man sich meditierend in die Worte vertieft (erster Teil):
Mantram – ‹Ich lebe in dem finstren Erdbereich›
Ich lebe in dem finstren Erdbereich,
Ich webe in dem Schein der Sterne,
Ich lese in der Geister Taten,
Ich höre in der Götter Sprache.
Sehnend stimmt mich der Erde Finsternis,
Tröstend ist mir der Sterne Schein,
Lehrend sind mir der Geister Taten,
Schaffend ist mir der Götter Sprache.
Der Erde Finsternis verlöschet mich,
Der Sterne Schein erwecket mich,
Der Geister Taten rufen mich,
Der Götter Sprache zeuget mich.
Das Zwiegespräch – Anhören und Empfindung
Mit der nötigen Empfindung innerlich meditativ erlebt, wirkt dies Wunder in der Seele. Man gehe zunächst ganz im inneren Schauen der ersten vier Zeilen auf; dann stelle man sich vor, als ob ein anderes Wesen sie zu einem spräche aus unbekannten Tiefen her, und entwickle die richtigen Gefühle dafür – das ist der zweite Teil des Spruches. Eine Meditation im Zwiegespräch: das erste verobjektiviert, das zweite wie aus dem Herzen strömend. Die Zeilen 1–5, 2–6, 3–7, 4–8 werden paarweise durch Bögen verbunden.
Der dritte Teil – der Wille bekräftigt
Dann vergegenwärtige man sich, wie das eine im anderen wirkt, und erlebe willensgemäss, was das Zwiegespräch ergeben hat. Aus Geistestiefen tönt es: ‹Ich lebe in dem finstren Erdbereich›; das Herz antwortet: ‹Sehnend stimmt mich der Erde Finsternis›; der Wille empfindet den Impuls: ‹Der Erde Finsternis verlöschet mich.› Ebenso für die übrigen drei Paare bis ‹Der Götter Sprache zeuget mich – bringt mich hervor, zeuget mich.›
Der Gang ins vorige Erdenleben – das magische Gefühl
Während wir glauben, nur in der gewöhnlichen physischen Welt zu sein, macht die Seele im Unterbewussten einen Gang zurück bis ins vorige Erdenleben. Bei der ersten Zeile ist man am Ausgangspunkt des Erdenlebens, wo der Ätherleib erst gebildet worden ist; das Sehnen nach dem Geistigen ist die Erbschaft aus dem vorirdischen Dasein. ‹Der Erde Finsternis verlöschet mich› tilgt das gegenwärtige Erdenleben aus, weil man durch den Bereich zwischen Tod und neuer Geburt in die frühere Inkarnation zurückgeführt wird. ‹Der Sterne Schein erwecket mich›: das , der Schicksalszusammenhang geht einem auf. ‹Der Geister Taten rufen mich› zur Erfüllung des Karmas mit den Kräften des vorigen Erdenlebens. ‹Der Götter Sprache zeuget mich›: was aus dem vorigen Erdendasein in das gegenwärtige hereinwebt, macht mich zum seienden Menschenwesen.
Karma
Schicksalszusammenhang zwischen den Inkarnationen. Steiner sprach es nach der Stenogramm-Notiz stets als ‹Kärma›.mehr
Im zweiten Stadium nach dem Tod (Mantram ‹Was wird aus des Feuers Reinigung …›) erlebt der Mensch rückwärts, was andere durch ihn erlitten haben — ‹in seiner gerechten Sühne›. Im dritten Stadium arbeiten Archai, Kyriotetes und Seraphine an der Karma-Ausarbeitung. GA 270b, Vierzehnte Stunde. Im Bewusstsein dieser Gewichtigkeit durchsetzt man die Meditation mit einem inneren Zaubergefühl, einem magischen Gefühl – so genannt, weil es sich mit keinem irdischen Gefühl vergleichen lässt und ganz unabhängig von aller Körperlichkeit gefühlt wird. In diesem magischen Gefühl stehen wir rein geistig-seelisch in der geistig-seelischen Welt drinnen.
Schlusswiederholung – das vollständige Mantram
Ich lebe in dem finstren Erdbereich,
Ich webe in dem Schein der Sterne,
Ich lese in der Geister Taten,
Ich höre in der Götter Sprache.
Sehnend stimmt mich der Erde Finsternis,
Tröstend ist mir der Sterne Schein,
Lehrend sind mir der Geister Taten,
Schaffend ist mir der Götter Sprache.
Der Erde Finsternis verlöschet mich,
Der Sterne Schein erwecket mich,
Der Geister Taten rufen mich,
Der Götter Sprache zeuget mich.
Verpflichtung – kein Versenden per Post
Zum Schluss eine Verpflichtung: Es soll nicht sein, dass jemand die hier gegebenen Sprüche oder Mitteilungen ohne Anfrage weiter mitteilt. Es muss ein realer Zusammenhang sein; nur nach Anfrage darf von einem zum anderen oder an Gruppen mitgeteilt werden. Insbesondere soll es streng verpönt sein, irgendetwas von diesen Sprüchen oder ihrer Interpretation per Post zu versenden.
Wandtafelzeichnung zur Zehnten Stunde
Die bildliche Darstellung des Hinauswebens in den Schein des Kosmos und des Lesens der Weltenimaginationen ‹von der anderen Seite›. Unmittelbare Lese- und Meditationshilfe zum dieser Stunde.
Mantram
Verdichtete Sprüche, die in den Klassenstunden gesprochen und an die Tafel geschrieben wurden. Sie sind keine Lehrsätze, sondern Meditationssubstanz.mehr
Steiner war es ausdrücklich nicht um das Gedächtnis zu tun: ‹Ich bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedächtnis aufnimmst dasjenige, was ich zu dir spreche.› Die Mantren wirken durch wiederholtes inneres Erleben, nicht durch Lernen. Daher die Bedeutung der Stimmung — ‹Ernstes, Feierliches, Weihevolles›. GA 270a, Vierte Stunde.